Pferde artgerecht halten

Immer mehr Menschen machen sich bei der Anschaffung eines Pferdes ernsthafte Gedanken um dessen Wohlergehen. Trotzdem leben die meisten Pferde in unseren modernen Haltungssystemen sehr fremdbestimmt. Sie wurden regelrecht entmündigt.

Die Mensch-Pferd-Beziehung hat eine enorme Entwicklung durchlaufen

Wie würde es sich für uns anfühlen, wenn wir keinerlei Einfluss mehr auf unser eigenes Leben haben würden?

Pferde in freier Natur müssen ständig Entscheidungen fällen. Je mehr Wahlmöglichkeiten wir unseren Pferden bieten, desto ausgeglichener und gesünder ist deren Psyche. Die Mensch/Pferd Beziehung hat schon eine enorme Entwicklung durchlaufen. Angefangen vom ausschließlichen Nutztier über den Partner im Sport bis hin zum Freizeitgefährten und Familienmitglied.

Dabei veränderte sich auch die Sichtweise im Umgang mit dem Pferd und seinen Bedürfnissen.

Ganz zu Anfang dienten die Pferde hauptsächlich als Fleischlieferant, im Laufe der Zeit wurden sie dann immer mehr geritten oder als Zugtiere verwendet. Vor allem als Kriegspferde wurden sie viel genutzt.

Vor etwas mehr als 100 Jahren wurden in den reicheren Ländern Pferde immer mehr durch Maschinen ersetzt und wurden somit „arbeitslos“. Ihre Funktion veränderte sich und sie wurden zum Sport – und Freizeitgefährten.

Erst in den letzten Jahren denkt man vermehrt über artgerechte Haltung nach

Ihre damals „zweckmäßige“ Haltung, einzeln, in kleinen Boxen oder gar Ständern, damit sie schnell verfügbar waren, wurde in die Sport – und Freizeitwelt übernommen. Erst in den letzten Jahren veränderte sich die Denkweise mancher Menschen, und es entstanden Alternativen in der Pferdehaltung.

Dennoch herrscht immer noch viel Unsicherheit, welche Haltungsform für welches Pferd am geeignetsten ist. Oder sollte man den Satz umformulieren, welche Haltungsform des Pferdes für welchen Besitzer am geeignetsten ist?

Dabei stellen sich die Fragen:

  • Gibt es die ideale Haltung überhaupt, oder müssen wir einfach herausfinden, mit welchen Kompromissen wir am besten leben können?
  • Hat jedes Pferd die gleichen Bedürfnisse?
  • Kennen wir eigentlich genau die Bedürfnisse dieser Tiere?

Das Wohlbefinden von Nutztieren

Um 1965 herum hat die britische Regierung ein Gremium zusammengestellt, welches das Wohlbefinden der Nutztiere überdenken sollte. „Brambell“ war Vorsitzender von diesem Komitee, und es entstanden die im Tierschutz weltweit anerkannten „Brambell’s Five Freedoms“. Sie sind das absolute Minimum für das Wohlergehen unserer Tiere:

  1. Freedom from hunger or thirst (Freiheit von Hunger und Durst)
  2. Freedom from discomfort  (Freiheit von Unbehagen )
  3. Freedom from pain, injury or disease (Freiheit von Schmerz, Verletzung und Krankheit)
  4. Freedom to express (most) normal behaviour (Freiheit zum Ausleben normalen Verhaltens)
  5. Freedom from fear and distress (Freiheit von Angst und Leiden)

Verglichen mit der Evolution, die innerhalb von Millionen von Jahren stattfand, leben die Pferde nur seit einer kurzen Zeitdauer bei uns. Dies führt oftmals zu Anpassungsschwierigkeiten an unser modernes Haltungssystem.

Auswirkungen von falscher Haltung

Stereotypien sind ein Ausdruck einer Überforderung des Anpassungssystems. Oftmals liegt auch schon eine genetische Prädisposition vor. Dank unserer modernen Züchtung bringen viele Pferde schon eine gewisse Vorbelastung mit. Das betrifft also nicht nur Pferde aus ungünstiger Haltung.

Die meisten Pferde werden zwischen 4 bis 6 Monaten abgesetzt, inmitten der Sozialisierungsphase, wo sie normalerweise von Mutter, Vater und den anderen Herdenmitgliedern ihr natürliches Herdenverhalten lernen. Dieses schließt dabei Fressverhalten, Spielverhalten, Sozialverhalten, Wachsamkeit und weiteres mit ein.

Dies kann zu schlecht sozialisierten und/oder überängstlichen Tieren mit Bindungsproblemen führen. Die sichere Basis der Mutter, von der aus man die Welt erkunden kann, wurde früher entfernt, als die Natur es vorgesehen hatte. Wenn diese Tiere dann anschließend in einer ungünstigen Haltung leben, sind Probleme schon fast vorprogrammiert.

Das folgende Pfeildiagramm soll die Zusammenhänge von Ursachen und deren Auswirkungen vereinfacht und bildlich darstellen.

Pferdehaltung

Pferde leiden oft still

Die Evolution hat das Pferd zu einem „stillen Leidenden“ entwickeln lassen. Unbehagen und Verletzlichkeit zum Ausdruck zu bringen, wäre für das Beutetier ein Risiko, zum „Dinner“ eines Raubtieres zu werden. Feine Körpersignale werden oft übersehen und Verhalten missinterpretiert. Deshalb sind die Menschen oft der Meinung, dass alles in Ordnung sei und es ihren Tieren gut geht.

Wenn jedoch der Druck für die Pferde zu groß wird, entwickeln die Tiere oftmals Strategien, um mit ihrer schwierigen Lebenslage klar zu kommen. Als Beispiel hierfür wäre das schon erwähnte stereotype Verhalten zu nennen. Von solch extremen Beispielen abgesehen, gibt es eine große Anzahl von Pferden, die einfach nur „existieren“.

Dieses kleine Diagramm soll dies verdeutlichen. Sehr viele unserer Pferde befinden sich in der Rubrik „Überleben“. Im Englischen existiert ein wunderschönes Wortspiel, das unsere Zielvorstellung sein könnte:

Thriving not surviving“

„Happy Circle“ ist Basis für Gesundheit und Wohlbefinden

Es geht nicht darum, einfach nur zu überleben, sondern sich bester physischer und psychischer Gesundheit zu erfreuen. Ein Pferd, dem die Möglichkeit zum „Gedeihen“ gegeben wurde, glänzt durch physische und psychische Gesundheit, selbst im hohen Alter.

Das kräftige Immunsystem lässt weder Allergien noch Koliken zu, und sorgt dafür, dass Verletzungen rasch und unkompliziert verheilen. Ein ausgeglichenes, entspanntes und gelassenes Verhalten sorgt für eine robuste Gesundheit. Und die robuste körperliche Gesundheit bewirkt wiederum eine stabile Psyche.

Dieser „Happy Circle“ ist auch die Basis für ein positives Training, das unweigerlich zum Erfolg führt.

Heike Schwanauer

Zur Person

Heike Schwanauer ist TOP Trainerin.

Sie studierte seit 2012 über vier Jahre hinweg Pferdeverhalten am „Natural Animal Centre“ in Wales und erlang die englische Qualifikation „Equine Behaviourist“. Schwerpunkt der mobilen Praxis ist die Verhaltensberatung unter Miteinbeziehung des Managements. Gearbeitet wird über positive Verstärkung und Anwendung von Markersignalen. Außerdem wurde Heike Schwanauer 2011 zur Tierpsychologin mit Spezialisierung Pferd der ATN Schule zertifiziert. Die seit 2004 qualifizierte Tierheilpraktikerin beschäftigte sich in den darauf folgenden Jahren auch intensiv mit Bachblüten für Mensch und Tier. Heike Schwanauer liegt es am Herzen individuelle Lösungen für das Mensch-Tier-Team zu finden und somit das Wohlbefinden beider wieder herzustellen oder zu optimieren.

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